Anne Applebaum hält „Rede an Europa“ bei Wiener Festwochen
Die polnisch-amerikanische Historikerin und Publizistin Anne Applebaum hat am Mittwoch in Wien die traditionelle „Rede an Europa“ gehalten. Die Ansprache markierte den Auftakt der Wiener Festwochen und fand vor dem Holocaust-Mahnmal auf dem Judenplatz statt.
Applebaum bezeichnete die aktuelle Situation als „Stunde Europas“ und hob die Europäische Union und die europäische Nachkriegsgesellschaft als Friedensprojekt hervor. Sie erklärte, Menschen hätten Friedenszeiten zunehmend für selbstverständlich gehalten, weil sie über 80 Jahre lang in Frieden lebten.
In ihrer Rede wandte sich Applebaum gegen Thesen wie das Recht des Stärkeren oder ethnischen Nationalismus, die ihrer Darstellung nach wieder auflebten und von außen geschürt würden, um Europa zu destabilisieren. Sie sagte, russische Propagandisten würden die Europäische Union seit etwa zwei Jahrzehnten verunglimpfen, ihre Institutionen verspotten und sie als dekadent, gespalten, überreguliert oder dem Untergang geweiht darstellen.
Applebaum führte aus, die USA unter Präsident Donald Trump hätten kein Interesse an einem geeinten Europa gehabt. In einer frühen Fassung der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie der USA sei davon die Rede gewesen, illiberale Kräfte in Ungarn, Polen, Italien und Österreich beim Austritt aus der Union zu unterstützen. Ein solcher Austritt dieser vier Länder aus der EU wäre nach ihren Worten für alle wirtschaftlich eine Katastrophe, vergleichbar mit den Folgen des Brexit für Großbritannien.
Eine geschwächte EU hätte nach Applebaums Einschätzung Schwierigkeiten, sich der hybriden Kriegsführung Russlands oder einem russischen Militärangriff zu widersetzen. Sowohl die USA als auch Russland würden ein geschwächtes und stärker fragmentiertes Europa bevorzugen, sagte sie. Russland wolle ein Europa, das sich militärisch nicht verteidigen könne, die USA ein Europa, das von amerikanischen Technologien abhängig sei und dadurch anfällig für politische Kontrolle werde.
Applebaum rief dazu auf, sich zur Wehr zu setzen – nicht mit Worten, sondern mit Taten. Sie forderte Investitionen in europäische Rüstungstechnologieunternehmen, in europäische Social-Media-Plattformen sowie in europäische Künstliche Intelligenz mit europäischen Werten. Europa brauche eine Kapitalmarktunion, Europas Daten müssten in Europa gespeichert sein, und der Kontinent müsse so denken und handeln wie die mächtigste Wirtschaftszone der Welt. Alles müsse unternommen werden, um Europas Souveränität zu wahren, und Entscheidungen, die Europa betreffen, sollten in Europa gefällt werden.
Als zentrale europäische Errungenschaften nannte Applebaum Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, richterliche Unabhängigkeit, Meinungsfreiheit, Gleichheit vor dem Gesetz und die Rechenschaftspflicht von Regierungen gegenüber Bürgern. Sie sagte, Amerika vergraule jeden Tag potenzielle Besucher, Investoren und Forscher, während Russland täglich unschuldige Menschen in einem blutigen und sinnlosen Kolonialkrieg ermorde. Europa hingegen liefere jeden Tag den Beweis, dass alte Rivalen friedlich nebeneinander leben könnten, während sie nach Wohlstand strebten.
Den gegenwärtigen Wandel bezeichnete Applebaum als so bedeutsam und folgenreich wie das Ende des Kommunismus im Jahr 1989. Europa könne die aktuellen Umbrüche und Verschiebungen zu seinem Vorteil nutzen. Man sei nicht dazu verdammt, in einer Welt zu leben, in der das Recht des Stärkeren herrsche; man könne sich für etwas anderes entscheiden, und sie sei überzeugt, dass dies geschehen werde. Mit dieser Aussage beendete Applebaum ihre Rede und erhielt kräftigen Applaus.
Zur Person Anne Applebaum
Anne Applebaum wurde 1964 in Washington D.C. als Kind jüdischer Eltern geboren. Sie studierte russische Geschichte und Literatur an der Yale University sowie Internationale Beziehungen an der London School of Economics und war als Auslandskorrespondentin in Osteuropa tätig.
Applebaum wurde 2004 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet und 2024 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt. Im Jahr 2024 veröffentlichte sie das Buch „Die Achse der Autokraten“, in dem sie laut Beschreibung Wirkmechanismen autoritärer Allianzen darstellt, die demokratische Kräfte untergraben. Sie ist mit dem polnischen Außenminister Radoslaw Sikorski verheiratet.
Format „Rede an Europa“
Die „Rede an Europa“ wurde 2019 von der Erste Stiftung initiiert und ist ein gemeinsames Projekt der Erste Stiftung, der Wiener Festwochen und des Instituts für die Wissenschaft vom Menschen in Kooperation mit dem Jüdischen Museum Wien. Der Judenplatz in Wien ist seither der Ort dieser Veranstaltung.
Seit 2019 wird die „Rede an Europa“ jährlich gehalten. Zu den bisherigen Rednerinnen und Rednern zählen unter anderem Timothy Snyder (2019), Oleksandra Matwijtschuk (2023), Omri Boehm (2024) und Lea Ypi (2025).







