Ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung von Wissenschaftern der Universitätsklinik Innsbruck hat ein neues Behandlungskonzept gegen Multiple Sklerose entwickelt. Erste Ergebnisse einer klinischen Studie der Universität Zürich und des Karolinska-Instituts Stockholm wurden im US-Fachjournal PNAS veröffentlicht. Die Universität Zürich hat die Informationen am Dienstag bekanntgegeben. An der Forschung war Markus Reindl vom Forschungslabor der Universitätsklinik Innsbruck beteiligt.
Erste Ergebnisse aus der Studie mit zehn Patienten
Der neue Therapieansatz nutzt körpereigene rote Blutkörperchen, an die bestimmte Eiweißbestandteile gekoppelt werden. In der aktuellen klinischen Studie wurden dafür sieben Myelinpeptide an die Erythrozyten der Patienten gebunden, wodurch sogenannte pcRBCs entstehen. Nach der Rückgabe in den Körper werden diese modifizierten Blutkörperchen vor allem in Leber und Milz aufgenommen und dort abgebaut.
An der Untersuchung nahmen zehn Patienten mit Multipler Sklerose teil, die die veränderten Erythrozyten in steigenden Dosierungen erhielten. Die Behandlung erwies sich den Studienergebnissen zufolge als gut verträglich und sicher. Drei Monate nach einer einmaligen Gabe konnten bei den Probanden regulatorische T-Zellen nachgewiesen werden.
Geleitet wurde die Studie von Andreas Lutterotti an der Klinik für Neurologie der Universität Zürich und der Universitätsklinik Zürich. Beteiligt war zudem Roland Martin vom Institut für Experimentelle Immunologie der UZH. Aus der Forschungsarbeit ist das Biotechnologieunternehmen Cellerys hervorgegangen, das von den beteiligten Wissenschaftern gegründet wurde.
Fehlgeleitete Immunabwehr bei Multipler Sklerose
Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunkrankheit, die besonders junge Erwachsene betrifft. Bei der Erkrankung greifen T-Lymphozyten fälschlicherweise Gehirn und Rückenmark an und bauen dabei insbesondere die Myelin-Isolierschicht der Nervenbahnen ab. Diese Schädigung kann zu Seh- und Gefühlsstörungen, Lähmungen oder starker Müdigkeit führen.
Bisherige Therapien gegen Multiple Sklerose setzen in der Regel darauf, das Immunsystem insgesamt zu unterdrücken. Dieses unspezifische Vorgehen kann jedoch mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden sein, da es nicht ausschließlich die fehlgeleitete Immunreaktion gegen körpereigenes Gewebe betrifft, sondern die Abwehrfunktion insgesamt schwächt. Grundsätzlich gilt bei Autoimmunerkrankungen die Entwicklung gezielterer Verfahren, die nur die krankheitsauslösenden Immunreaktionen beeinflussen, als ein zentrales Forschungsziel, um Nebenwirkungen möglichst gering zu halten.
Zunehmende Verbreitung von Autoimmunerkrankungen
Autoimmunerkrankungen haben in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich zugenommen und betreffen mittlerweile mehr als fünf Prozent der Bevölkerung. Zu dieser Krankheitsgruppe zählen neben Multipler Sklerose zahlreiche weitere Erkrankungen, bei denen sich das Immunsystem gegen körpereigenes Gewebe richtet. Die Behandlung solcher Erkrankungen stellt die Medizin regelmäßig vor die Herausforderung, entzündliche Prozesse einzudämmen, ohne die übrige Funktion des Immunsystems zu stark zu beeinträchtigen.







