Bartgeier brüten mitten im Winter – neun Paare sind nach Tirol zurückgekehrt

Hinweis: Dieses Beitragsbild wurde mit künstlicher Intelligenz erstellt und dient der symbolischen Illustration. Es zeigt keine authentische Aufnahme des beschriebenen Ereignisses.

Dieses Thema Freunden empfehlen

In Nordtirol gibt es derzeit sieben Bartgeier-Brutpaare, zwei weitere sind in Osttirol angesiedelt. Die Vögel leben unter anderem im Lechtal, im Pitztal und im Kaunertal. Der Bartgeier war lange Zeit im gesamten Alpenraum verschwunden und kehrt erst seit einigen Jahrzehnten durch gezielte Auswilderungsprojekte zurück.

Brutzeit mitten im Winter

Anders als viele andere Vogelarten brütet der Bartgeier im tiefsten Winter. Rund um die Weihnachtszeit legt das Weibchen sein Ei, nach 56 Tagen schlüpft der Jungvogel. Die Standorte der Horste sind streng geheim. Grund dafür ist die hohe Empfindlichkeit der Brut: Wird der Bartgeier während der Brutzeit gestört, kann er das Ei verlassen. Bereits 15 Minuten Unterkühlung reichen aus, damit der Jungvogel stirbt.

Der Bartgeier benötigt für den Horstbau schroffes, felsiges Gelände im hochalpinen Raum sowie Wasservorkommen in der Umgebung. Er ernährt sich ausschließlich von toten Tieren und frisst dabei auch Knochen.

Vom Verschwinden zur Rückkehr in die Alpen

1913 wurde der vorerst letzte Bartgeier des Alpenraums im Aostatal erschossen. Danach galt die Art in den Alpen als ausgerottet. In den 1970er Jahren unternahm man einen ersten Versuch, die Population wiederherzustellen: Bartgeier aus Afghanistan und Russland wurden in die Alpenländer transportiert und dort freigelassen. Die Transporte führten jedoch zu stark geschwächten Vögeln, sodass die Ansiedlung misslang und das Projekt eingestellt wurde.

Erst 1986 gelang die erste erfolgreiche Auswilderung eines Bartgeiers. Die dabei entwickelte Methode wird bis heute angewandt: Ein Jungvogel aus einem Zoo oder einem Zuchtzentrum wird im Alter von 90 bis 100 Tagen in eine vorgefertigte Horstnische gesetzt.

Monitoring und internationaler Datenaustausch

Elisabeth Weninger arbeitet für das Bartgeiermanagement Nordtirol und den Naturpark Ötztal. Sie betreibt Monitoring und sammelt Daten über die Bartgeier in der Region. Diese Daten werden mit zahlreichen europäischen Ländern geteilt, in denen ebenfalls Bartgeierpopulationen beobachtet werden.

Jeden zweiten Samstag im Oktober findet der Internationale Bartgeierbeobachtungstag statt. Für diesen Tag werden Freiwillige gesucht, die bei der Beobachtung und Erfassung der Vögel mitwirken.

Alte Vorurteile gegenüber dem Bartgeier

Biologin Elisabeth Weninger weist darauf hin, dass man keine Angst vor dem Bartgeier haben müsse. Der Vogel tue keinem Lamm und keinem Kind etwas zuleide. Historisch glaubten Menschen jedoch, der Bartgeier stehle Lämmer oder sogar Kinder. Solche Vorstellungen trugen mit dazu bei, dass die Art im Alpenraum lange verfolgt und schließlich ausgerottet wurde.

Lebensweise eines Aasfressers im Hochgebirge

Der Bartgeier nimmt in seinem Ökosystem eine besondere ökologische Rolle ein. Als reiner Aasfresser trägt er zur natürlichen Beseitigung von Tierkadavern im Gebirge bei. Seine Spezialisierung auf Knochen als Nahrungsquelle ist unter Greifvögeln eine Besonderheit und erklärt, warum er auf große, unzugängliche Felslandschaften angewiesen ist, in denen er ausreichend Nahrung findet.

Grundsätzlich gelten Wiederansiedlungsprojekte für einst ausgerottete Arten als langwierige Vorhaben, die über Jahrzehnte hinweg wissenschaftlich begleitet werden müssen. Beim Bartgeier zeigt sich das exemplarisch: Zwischen dem Verschwinden der Art im Alpenraum und der ersten erfolgreich ausgewilderten Population liegen mehr als sieben Jahrzehnte. Kontinuierliches Monitoring, wie es aktuell im Bartgeiermanagement Nordtirol betrieben wird, gilt bei solchen Projekten als notwendig, um den Bestand langfristig zu sichern und Entwicklungen frühzeitig zu erkennen.