Hilfswerk legt Forderungen zur Prävention in der Versorgung älterer Menschen vor
Das Hilfswerk fordert von der Politik mehr und bessere Prävention in der Versorgung älterer Menschen in Österreich. Die Sozialorganisation verweist auf Mängel bei der Sturzprävention sowie bei der Nachsorge nach Stürzen und präsentiert einen Forderungskatalog mit sechs Punkten.
Laut Hilfswerk verursachen sturzbedingte Verletzungen in Österreich hochgerechnet Kosten von rund 1,7 Milliarden Euro jährlich. Jährlich ereigneten sich demnach zwischen 800.000 und einer Million Stürze bei Personen über 65 Jahren, von denen etwa ein Viertel medizinisch behandelt werden müsse.
Hilfswerks-Präsident Othmar Karas erklärte bei einer Pressekonferenz in Wien, es brauche sowohl Eigenverantwortung als auch Prävention. Er kritisierte, Prävention werde in Österreich nur oberflächlich diskutiert und es würden falsche Maßnahmen gesetzt. Karas fordert, Prävention breiter, umfassender und neu zu denken, um den Pflegebedarf zu dämpfen.
Hilfswerks-Geschäftsführerin Elisabeth Anselm sieht alle politischen Ebenen von Bund bis Länder sowie die Sozialversicherungsträger in der Verantwortung. Sie betont, dass das Sozial- und Gesundheitsministerium unter Korinna Schumann in einer besonderen Verantwortung stehe, verweist aber zugleich darauf, dass das Ministerium das Problem aufgrund der dezentralen Steuerung im Gesundheits- und Pflegesystem nicht alleine lösen könne.
Fokus auf umfassende Präventionsstrategien
Das Hilfswerk betont, dass viele Stürze älterer Menschen vermeidbar wären, und kritisiert mangelnde Nachsorge sowie fehlende Therapiepläne nach Stürzen. Diese führten laut Organisation zu sogenannten Drehtüreffekten mit wiederholten Krankenhausentlassungen und -aufnahmen sowie zu bleibenden Schäden und dauerhaftem Pflegebedarf.
Elisabeth Anselm weist darauf hin, dass in der politischen Diskussion meist nur Primärprävention thematisiert werde. Sie fordert, auch Sekundär- und Tertiärprävention stärker in den Blick zu nehmen. Im Artikel wird Sekundärprävention als Früherkennung von Erkrankungen und gezielte Behandlung zur Verhinderung des Fortschreitens beschrieben. Tertiärprävention zielt demnach auf die bestmögliche Wiederherstellung der Gesundheit und die Vermeidung oder Verzögerung von Folgeschäden einer bestehenden Erkrankung, etwa durch Rehabilitation.
Regina Roller-Wirnsberger, Professorin für Geriatrie an der Medizinischen Universität Graz, erklärt, Rehabilitation solle nicht vorrangig als Nachsorge, sondern als Prävention verstanden werden. Sie fordert, dass geriatrische Prävention auf den Erhalt von Funktion, Selbstständigkeit und Teilhabe trotz Mehrfacherkrankungen abzielen müsse.
Sechs-Punkte-Katalog des Hilfswerks
Der Forderungskatalog des Hilfswerks umfasst sechs Punkte. Erstens wird eine bessere Datengrundlage zu Krankheits- und Unfallursachen verlangt. Othmar Karas verweist dabei auf ein einheitliches Sturzregister in Schweden, mit dem Ursachen von Stürzen erfasst werden.
Zweitens fordert das Hilfswerk den Grundsatz „Rehabilitation vor Pflege“ und kritisiert, dass Rehabilitationsmaßnahmen in Österreich häufig nicht oder zu spät gesetzt würden. Pflegebedürftige Menschen hätten demnach oft keinen Zugang zu Rehabilitation. Die Organisation verlangt den Ausbau geriatrischer Rehabilitation.
Drittens wird „Bewegung und Therapie auf Rezept“ gefordert. Karas kritisiert, dass derzeit zu viel und zu spät in Reparatur investiert werde, und spricht sich für rechtzeitige niederschwellige Maßnahmen aus. Viertens verlangt das Hilfswerk eine bessere Koordinierung von Behandlungen älterer Menschen mit mehreren Erkrankungen, einschließlich besser abgestimmter Therapiepläne und Therapiepfade sowie einer regelmäßigen Überprüfung der Medikation.
Fünftens fordert das Hilfswerk das Schließen von Nachsorgelücken nach Krankenhausaufenthalten. Sechstens wird eine verbesserte Sturzprävention in den eigenen vier Wänden älterer Menschen verlangt. Dazu schlägt die Organisation eine gezielte Förderung von Wohnraumadaptionen sowie Beratung zur Beseitigung von Sturzrisiken im Wohnbereich und zur Schaffung bestmöglicher Barrierefreiheit vor.
Othmar Karas erklärt, alle sechs Forderungen des Hilfswerks richteten sich an die politisch Verantwortlichen. Er verweist auf den Zusammenhang zwischen Sozialversicherungsträgern und Politik im Kontext der geforderten Maßnahmen. Elisabeth Anselm fordert, dass die Datengenerierung und Steuerung zentral in die Hand genommen wird, und nennt neben Bund, Ländern und Sozialversicherungsträgern auch Statistik Austria als möglichen Akteur. Sie verweist zudem auf den laufenden Gesundheitsreformprozess und die Reformpartnerschaft zwischen Bund und Ländern und möchte die angesprochenen Fragen in den entsprechenden Reformkreisen behandelt sehen.
Reaktionen aus der Gewerkschaft
Der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) sieht laut einer Aussendung ebenfalls Handlungsbedarf in der Pflegepolitik. ÖGB-Pflegeexpertin Martina Lackner kritisiert eine Pflegepolitik, die aus ihrer Sicht vor allem auf Defizite und Einschränkungen blickt.
Lackner fordert einen Kurswechsel hin zu einer Politik, die Gesundheit schützt, Prävention stärkt und die Fähigkeiten der Menschen fördert. Sie erklärt, es sei im Interesse jedes Einzelnen sowie gesellschaftlich und finanziell sinnvoll, Maßnahmen zu setzen, damit Menschen länger gesund bleiben und später pflegebedürftig werden.
Offene Punkte
Die vom Hilfswerk genannten Kosten von rund 1,7 Milliarden Euro jährlich für sturzbedingte Verletzungen sowie die Angabe von jährlich zwischen 800.000 und einer Million Stürzen bei Personen über 65 Jahren beruhen auf Hochrechnungen der Organisation und auf internationalen Beispielen, nicht auf beschriebenen österreichischen Primärdaten. Unklar bleibt, in welchem Umfang und mit welchen Methoden in Österreich derzeit Daten zu Stürzen und deren Ursachen erhoben werden.
Der konkrete zeitliche und rechtliche Rahmen des genannten Gesundheitsreformprozesses und der Reformpartnerschaft zwischen Bund und Ländern wird im Artikel nicht näher ausgeführt. Zudem werden keine konkreten politischen Reaktionen oder Zusagen zu den sechs Forderungen des Hilfswerks berichtet.
Der Artikel wurde laut Metadaten am 24. März 2026 veröffentlicht.








