Paul Gessl geht nach mehr als 26 Jahren als Geschäftsführer der Niederösterreichischen Kulturwirtschaft (NÖKU) mit September 2026 in Pension. Seine Nachfolge tritt Cornelia Lamprechter an, die zuvor 15 Jahre lang als Kollegin und Mitarbeiterin in der NÖKU tätig war. Sie kommt aus dem Kulturmanagement.
Ein Quereinsteiger prägt die NÖKU über Jahrzehnte
Das Land Niederösterreich gründete die NÖKU Ende 1999. Paul Gessl wurde damals als Quereinsteiger zum Geschäftsführer ernannt. Von Beruf ist er Montaningenieur, zuvor war er lange Zeit als Geschäftsführer in der Privatindustrie tätig, unter anderem im Metallhandel. Bei der Gründung der NÖKU waren 45 Menschen beschäftigt. Mittlerweile umfasst die NÖKU-Gruppe 15 Tochtergesellschaften mit knapp 40 Kunst-, Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen und beschäftigt rund 1.500 Menschen.
In die Zeit von Gessls Geschäftsführung fielen mehrere große Projekte. Dazu zählt die Entwicklung von Grafenegg zu einer Festival- und Konzertstätte ebenso wie die Realisierung der Landesgalerie in Krems und des Kinderkunstlabors in St. Pölten. Auch strukturelle Veränderungen prägten diese Zeit: Das ehemalige Stadttheater in St. Pölten wurde zum Landestheater und in die NÖKU eingegliedert, ebenso die Festspiele Reichenau, das Festspielhaus sowie das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich.
Neben diesen Entwicklungen gab es in Gessls Amtszeit auch schwierigere Phasen. Der Rechnungshof übte Kritik an der NÖKU, die Corona-Pandemie führte zu Lockdowns im Kulturbetrieb, und St. Pölten erhielt keine Zusage als europäische Kulturhauptstadt 2024.
Gessl gab in einem Interview mit Veronika Berger für noe.ORF.at an, derzeit keine weiteren beruflichen Angebote anzunehmen. Er kündigte an, sich stringent aus der NÖKU in allen Funktionen zurückzuziehen.
Struktur und Aufgabe von Landeskulturgesellschaften
Landeskulturgesellschaften wie die NÖKU wurden in mehreren österreichischen Bundesländern gegründet, um Kunst- und Kultureinrichtungen unter einem organisatorischen Dach zu bündeln. Ziel solcher Strukturen ist es üblicherweise, administrative Aufgaben wie Personalverwaltung, Finanzierung und Infrastrukturmanagement zentral zu organisieren, während die künstlerische und inhaltliche Ausrichtung bei den einzelnen Häusern und Institutionen verbleibt. Dadurch sollen Synergien zwischen unterschiedlichen Einrichtungen genutzt werden, etwa bei technischen Ressourcen, Verwaltungsprozessen oder der Betreuung von Veranstaltungsstätten.
Grundsätzlich stehen Landeskulturgesellschaften in einem Spannungsfeld zwischen öffentlichem Auftrag und wirtschaftlicher Verantwortung. Sie werden in der Regel von öffentlicher Hand finanziert oder mitfinanziert, unterliegen damit auch der Kontrolle durch Rechnungshöfe und Landtage. Solche Prüfungen betreffen typischerweise Fragen der Wirtschaftlichkeit, der Transparenz von Vergabeverfahren oder der Verwendung öffentlicher Mittel. Gleichzeitig sollen die Gesellschaften Flexibilität ermöglichen, etwa bei der Programmgestaltung oder bei baulichen und infrastrukturellen Projekten, die im Rahmen klassischer Verwaltungsstrukturen oft langwieriger umzusetzen wären.
Die Kulturbranche insgesamt war durch die Covid-19-Pandemie besonders stark betroffen. Lockdowns und Besuchsbeschränkungen führten bei Theatern, Konzertveranstaltern und Festivals zu Einnahmeausfällen und organisatorischen Herausforderungen, die in vielen Fällen mehrere Spielzeiten betrafen. Kulturinstitutionen mussten in dieser Zeit häufig neue Formate entwickeln, etwa digitale Angebote, um mit dem Publikum in Kontakt zu bleiben.
Auch Bewerbungen um den Titel einer europäischen Kulturhauptstadt sind ein wiederkehrendes Thema im Kulturbetrieb einzelner Städte und Regionen. Der Titel wird von der Europäischen Union vergeben und ist mit einem mehrjährigen Bewerbungs- und Auswahlverfahren verbunden, an dem mehrere Städte teilnehmen können. Eine Nominierung gilt allgemein als Chance, kulturelle Infrastruktur auszubauen und die internationale Sichtbarkeit einer Stadt zu erhöhen, ist jedoch nicht garantiert und hängt von der Bewertung durch eine unabhängige Jury ab.







