In Vorarlberg haben sich im Jahr 2025 erstmals weniger als 50 Prozent der 15-Jährigen für eine Lehrstelle beworben. Gudrun Petz-Bechter, stellvertretende Direktorin der Wirtschaftskammer Vorarlberg, bezeichnete diese Entwicklung in der ORF Radio Vorarlberg-Sendung „Neues bei Neustädter“ als ein „historisches Tief“.
Rückgang bei Lehrstellenbewerbungen
Petz-Bechter führte die sinkenden Bewerberzahlen unter anderem darauf zurück, dass viele Eltern einen Hochschulabschluss als erfolgsversprechendere Variante für ihre Kinder ansehen. Auch der Bildungsforscher Thomas Mayr äußerte sich am Dienstag in derselben Sendung zur Situation am Vorarlberger Arbeitsmarkt.
Mayr zufolge zeigt sich der Fachkräftemangel derzeit besonders stark bei den berufspraktischen Berufen. Als betroffene Bereiche nannte er konkret Handwerk, Technik und Tourismus. Im Bereich der Fachhochschul- und Universitätsabsolventen gebe es hingegen so gut wie keinen Mangel, sagte Mayr. Lediglich rund zehn Prozent der Firmen tun sich nach seinen Angaben schwer, Hochschulabsolventen zu finden. Innerhalb des Hochschulbereichs betreffe der Mangel vor allem technische Studienrichtungen.
Mayr verwies zudem darauf, dass sich die Zahl der Hochschulabsolventen, die an den Arbeitsmarkt kommen, in den vergangenen 30 Jahren vervierfacht habe. Bei den handwerklichen Berufen sei die Nachfrage dagegen stagnierend. Zusätzlich erwähnte er eine Pensionierungswelle, die sich in handwerklichen Berufen bemerkbar macht.
Jahrzehntelange Ausrichtung auf Matura und Hochschule
Als Erklärung für die aktuelle Situation verwies Mayr auf eine langfristige bildungspolitische Entwicklung. In den vergangenen 20, 30 bis 40 Jahren sei ein enormer Schwerpunkt auf Maturanten und Hochschulausbildung gelegt worden, sagte der Bildungsforscher. Diese Ausrichtung steht nach seiner Darstellung in einem Zusammenhang mit der heutigen Verteilung von Fachkräftemangel zwischen akademischen und handwerklich-technischen Berufsfeldern.
Duale Ausbildung als Teil des Bildungssystems
Die Lehrausbildung ist in Österreich neben dem Besuch weiterführender Schulen einer der zentralen Wege in den Beruf. Sie verbindet praktische Arbeit im Lehrbetrieb mit theoretischem Unterricht in der Berufsschule und schließt in der Regel mit einer Lehrabschlussprüfung ab. Grundsätzlich hängt die Zahl der jährlich neu abgeschlossenen Lehrverträge von mehreren Faktoren ab, etwa von der Zahl der Schulabgänger eines Jahrgangs, vom Angebot an Lehrstellen in den Betrieben sowie von der Attraktivität einzelner Berufsbilder für Jugendliche und deren Familien.
Der Vergleich zwischen akademischer und beruflicher Ausbildung spielt bei der Berufswahl grundsätzlich eine wichtige Rolle. Entscheidungen von Jugendlichen nach der Pflichtschule werden üblicherweise nicht nur von den eigenen Interessen, sondern auch von den Erwartungen des familiären Umfelds mitgeprägt. In Diskussionen über Fachkräftemangel wird häufig zwischen unterschiedlichen Berufsgruppen unterschieden: Während in akademischen Berufsfeldern teilweise ein Überangebot an Absolventinnen und Absolventen diskutiert wird, wird in handwerklich-technischen Bereichen häufiger ein Mangel an Nachwuchskräften thematisiert. Ausschlaggebend dafür sind grundsätzlich sowohl die Zahl der Ausbildungsabsolventen als auch die demografische Entwicklung innerhalb einzelner Berufsgruppen, etwa durch altersbedingtes Ausscheiden erfahrener Fachkräfte aus dem Erwerbsleben.
Auch die Wirtschaftskammern sind in Österreich in die duale Ausbildung eingebunden. Sie sind unter anderem an der Interessenvertretung der Lehrbetriebe sowie an der Beobachtung von Entwicklungen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt beteiligt. Entwicklungen wie ein Rückgang bei den Lehrstellenbewerbungen werden von solchen Institutionen entsprechend beobachtet und öffentlich thematisiert, wie es auch im aktuellen Fall durch die Wirtschaftskammer Vorarlberg geschehen ist.







